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Pierre Alechinsky

Die Zeit für das Mittagessen rückt näher. Ein schöner Duft hängt in der Luft und verdrängt die Öl- und Benzindämpfe. Die Maschinen stehen still. Ein sachtes Klirren. Schnell dreht ein Schraubenschlüssel eine Mutter an; der Druckergeselle befestigt mit den routinierten Bewegungen eines Mechanikers einen Stein in der Presse für die kommende Arbeit. Es ist Jean Gabin und seine Lokomotive im Film ”Das Bestie”. Während ich eine Serie marginaler Klekse auf meinem Stein verwische um zu deuten, was sie mir diktieren ( was Rohrschach-Tests anbelangt: man macht selbst die besten Tests ) höre ich, dab Bierflaschen geöffnet und Weinflaschen entkorkt werden. Der Tisch ist gedeckt – heute nachmittag werden wir da sitzen und daran Werke signieren – da kommt, was ich schon geahnt habe, der Topf ! Peter bewirtet uns fürstlich. Das Tischtuch wurde einer Rolle mit braunem Papier entnommen – dem Einwickelpapier des Verlags. Nach dem Kaffee wird er das ”Tischtuch” in eine grobe Tüte verwandeln, die das Relief der Mahlzeit zeigt.



Auf der leeren Tischplatte sucht mein Blick ein von Jorn hinterlassenes ”Grafitti”. Das ist so eine Gewohnheit von mir. Schnitte mit dem Taschenmesser unseres Freundes gemacht. Ein Bild in rohem Zustand, im selben Geist wie die Wandinschriften in Belleville, die Brassaï so gerne im Gegenlicht fotografierte. Mangels einer Fotografie hat Peter etwas noch Besseres getan: ein Abdruck á la chinoise ( nachdem der Kaffee getrunken und das ”Tischtuch” in den Mülleimer geworfen war ) in 13 Exemplaren gedruckt.

Ich überlege es mir, ob es nicht an diesem Tisch war – es mag wohl im Juni 1972 gewesen sein, kurz vor seinem Rückkehr, Kopenhagen, Silkeborg, Aarhus, wo er im darauf folgenden Frühjahr starb - dab ich zum letzten Mal Asger Jorn sah, wie er auf dem Stein zeichnete, einen Schnaps trank, zwischen den Zähnen leise vor sich hin sang, seine Pfeife anzündete, über ”die Mängel des wissenschaftlichen Begriffes Dissymetrie” sprach, und dann, mit seiner phantasievollen, schnellen und eleganten Unterschrift die frischgedruckten Lithographien eine nach der anderen numerierte, ihnen Titel gab, sie signierte und dann plötzlich in ein schallendes Lachen ausbrach


Pierre Alechinsky




"Ein Stein" Bjørn Nørgaard

Händedruck, Gegendruck, Abdruck, Eindruck, Ausdruck….Abdrucke in Ton, der Abdruck der Keilschrift in nassen Tontafeln, die Holzschnitte des Mittelsalters, die lithographischen Plakate des 19. Jahrhunderts, die politischen Offsetdrucke der 60iger Jahre….
Eine Mitteilung weiterzugeben, etwas auszudrücken, eine Geschichte erzählen, eine Botschaft zu vermitteln.

Heute sind es die in Massenproduktion hergestellten Drucksachen, die Broschüren, der Druck; das gedruckte Bild ist - in einer historischen Perspektive gesehen - das am meisten verbreitete Medium zur Information des Menschen, das Medium um eine Geschichte zu erzählen – erst mit den globalen, elektronischen Satellitenbildern ist schwere Konkurrenz entstanden – jedoch sind die Bilder, der Punkt in derselben Weise gestaltet, aber der Bildschirm in anstelle des Papiers getreten. Das Bild als Objekt, das ruhige, besinnliche Hinschauen, hat sich in das unruhige Flimmern des Bildschirms verwandelt, die Nachdenklichkeit wurde visuelles Geräusch.



Bleistift und Papier, Tusche und Stein, einfach, direkt, wirtschaftlich, umweltschonend, der Stein läbt sich immer wieder benutzen, begrenzte Auflagen, Verbrauch von wenigen Ressourcen, eine Mitteilungen unter Menschen, einfach, respektvoll, der Künstler mit seinen Überlegungen, der Beobachter mit seinen Gedanken

Die Werkstatt, jede Epoche ihre Technik und Ausdrucksweise– wenn man es so sieht, gehört die Lithographie, mit Stein gedruckt, dem 19. Jahrhundert. Es war die technisch überlegene Bilderproduktion, aber gleichzeitig besitzt die Technik einige Qualitäten immateriellen Charakters, an die ich es versucht habe, in den obigen Zeilen näher heranzukommen.



Dazu kommt noch die Zeit. Die modernen, digitalen Techniken stehlen die Zeit; wir glaubten, dab Automation und die digitalen Vorgänge Zeit und Arbeit sparen könnten und dadurch- wie auch immer - dem Menschen mehr Zeit zur eigenen Verfügung ( ? ) stellen würden. Das Gegenteil - so stellte es sich heraus – war der Fall.

Wenn ein Künstler auf einem Stein zeichnet, spendet er dem Stein seine Zeit, der Zeichnung seine Zeit, wenn der Lithograph die Zeichnung druckt, spendet er Zeit, jedes Stück Papier wird von vielen Menschen berührt, sie spenden der Zeichnung Zeit, wenn wir eine Lithographie – von vielen Händen angefertigt - betrachten, empfangen wir Zeit, Ruhe und Möglichkeit zum Nachdenken, im Gegensatz zum digitalen Bild, das unsere Zeit und Träume stiehlt.
Deshalb ist Peters Werkstatt ein wichtiger ”Stein” in dem Bau, der Mensch genannt wird, ein Stein

Viele Grüb

Bjørn Nørgaard



"An Peter Bramsen", Antonia Saura

Im Tor die grobe Handpresse wie ein gehörntes Tier - geduldig darauf wartend, nach Mittelamerika verladen zu werden. Hinter der Glastür die grobe Halle mit den schwarzen Maschinen, Aquarium, Leuchtturm, Fabrik, die immer der Erinnerung in Grautönen erhalten bleibt. Links vom Eingang der grobe Tisch der Brudermahlzeiten, des grobzügigen Ausschenkens, des Signierens der fertigen Drucke – der Tisch, der an Schwärme von Schmetterlingen erinnert. An der Wand hinter dem Tisch sieht man Ansichtskarten und Ausschnitte – zufällige Beute langer Reisen auf fernen Ozeanen. Rechts eine Kombüse, wo der Kapitän, der ständig einsame Navigator, das Gericht des Tages vorbereitet. Nicht nur Speck und Kohl werden der Besatzung angeboten. Das Schiff - geladen mit fliegenden Träumen, Salpeter und scharfem Wind, in der Phantasie von der stampfenden und anscheinend zerbrechlichen Kristallhalle verschlungen, wo die Kurbeln der Pressen an das Ruder des Schiffes erinnern - wird von den verletztbaren, bunten Papierschmetterlingen, geschaffen unter dem wachsamen Blick des bärtigen Hünen, nach vorne getrieben. Es gibt Kajüten, wo die Seeleute arbeiten und im Lastraum gibt es Verstecke und sonderbare Stellen mit strömendem Wasser.


Links von der groben Halle mit den Maschinen – es dreht sich um ein Segelschiff, dessen wunderliche Apparate nur flüchtige und zufällige Energie spenden, die erstarrte Instinkte, Wünsche und Überraschungen nach vorne treiben – sieht man die verschlossene Kajüte des Kapitäns Nemo mit Schubladen voll von Schätzen aus dem Meer, Eroberungen, Triumphen und Enttäuschungen, Farben und Tätowierungen, beherrscht von der beunruhigenden, ätzenden, wärmenden Nähe des nun dahingeschiedenen, groben Kobolds.
”Le Calmar géant”, ”le mystérieux Orient-Express”, ”le Grand d´outremer”, le Hollandais errant”, ”l´Ange”, ”le Ramolliseur”, ”la Taupe mentale”, ”le Serpent infaillible”, ”le Corsaire noir”, ”le Saurien á la jambe de bois”, ”le Gitano Senorito” sind nur einigen von den Seeleuten, an die man sich aus vielen verschiedenen Fahrten mit vollen Segeln erinnert.


Seit mehr als einem Jahr hatte ich die Ehre, unter Aufsicht des riesigen und grobzügigen Kapitäns auf dem groben Kristallschiff zu arbeiten, habe verkaterte Morgen und strahlende Dämmerstunden erlebt. Während der schwierigen Arbeit haben wir die vier Jahreszeiten kommen sehen, die Gärten der Nationen, Stürme aus Säure und Druckschwärze, deformierte Ungeheuer, bodenlose Tiefen, Bilder ohne Zentrum und Zentren im Nebel verborgen. Wir haben Landgänge und Rettungsaktionen erlebt, wir haben die Flagge gedippt und wir sind Piraten davongefahren. Wir haben halbfertige Kadaver über Bord geworfen, zum Jubel der Philatelisten Briefe nach Mexico gesandt und wir haben Flaschenpost an liebe Vorfahren in anderen Breitengraden ins Sargassomeer geworfen.
In der Kompabrose haben wir das abgeklärte Wissen der Zukunft gesehen. Im Logbuch der langen Überfahrten haben wir für immer den Kompab genau nord-süd eingeordnet, zwei feste Anhaltspunkte einer fortwährenden Freundschaft, die geschützte Herberge für die fahrenden Leute dieser Erde.

Antonia Saura

Portrait. 30 x 20 cm
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